Bolivien

Frohes Neues

Wir sind seit erst kurzem in Bolivien und schreiben schon das Jahr 5523. Science-Fiction? Nö, bolivianische Realität. Laut Aymara-Kalender hat am 21. Juni das neue Jahr begonnen. Das Jahr 5523.

Seitdem Präsident Evo Morales das aymarische Neujahr zu einem Feiertag gemacht hat, feiern die Bolivianer am 21. Juni Partys im ganzen Land. In Bolivien ist an diesem Tag Wintersonnenwende. Die größte Party war im Salar von Uyuni. Präsident Morales war dabei – und wir auch.

Es ist zwei Uhr nachts und bitterkalt. Vor dem Tourismusbüro von Uyuni sammeln sich die Menschen. Eingehüllt in dicke Mäntel und Decken warten sie auf die Abfahrt der Busse. Es soll in den Salar gehen, genauergesagt zur  Isla Incahuasi. Das ist ein kleiner, von Kakteen gespickter Berg, mitten in der größten Salzwüste der Welt. In dieser Nacht ist der Salar wahrscheinlich auch die kälteste Salzwüste der Welt. Als wir nach zweistündiger Fahrt ankommen, ist es so kalt, dass ich meine Füße nicht mehr spüre. Und die Sonne lässt noch auf sich warten.

Zum Glück haben einige Jugendliche ein kleines Feuer gemacht, das wärmt die Füße. Andere versuchen sich mit Tänzen aufzuwärmen. Aus den umliegenden Dörfern sind Folklore-Gruppen gekommen, sie zeigen ihre traditionellen Tänze.

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Auf der Bühne kündigt die Moderatorin an, dass Präsident Evo Morales bald eintreffen werde. Aber noch lässt er auf sich warten. Das Militär bezieht schon einmal Stellung. Um fünf Uhr fängt es dann langsam an zu dämmern. Am Horizont zeichnet sich eine blaue Kuppel ab, das Schwarz der Nacht verschwindet.

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Plötzlich kommt der Präsident angeflogen, sein Helikopter landet gleich neben der Bühne. Jetzt wird es hektisch, viele Bolivianer wollen ein Foto mit dem Präsidenten machen, die Sicherheitsleute haben ihre Mühe, die Menschen abzuhalten. Das Militär steht stramm, der Präsident schreitet an der Kompanie vorbei, grüßt, und als Morales weitergeht zückt ein Soldat sein Handy und macht ein Foto.

Das Neujahrsritual der Aymara ist ein Opfer an die Götter, damit sie den Menschen ein gutes Jahr bescheren. Auf einem kleinen Altar sind Lamaföten, Bierflaschen und Quinoa-Pflanzen aufgestellt. Die ersten Sonnenstrahlen treffen auf den Salar, der Zeremonienmeister gibt das Kommando, und Evo Morales zückt die Streichholzschachtel. Er wartet noch kurz, dann entzündet er das Streichholz und wirft es auf den mit Alkohol getränkten Altar. Die Flammen steigen auf und die Menschen jubeln. Es soll ein gutes Jahr werden.

Nach dem Ritual kommt der politisierte Teil des Neujahrsfestes. Der Gouverneur von Potosí hält eine Rede, in der er sich darüber freut, dass „sein Bruder“ Evo Morales Präsident von Bolivien ist. Er schließt mit den Worten: „Auch beim nächsten Mal wählen wir Dich wieder!“ Eine vierte Amtszeit von Morales ist umstritten. Bereits bei seiner dritten Wiederwahl wurde Kritik laut, dass diese nicht mit der Verfassung vereinbar sei.

Als der Präsident selbst ans Pult schreitet, wird schnell deutlich, dass er ein charismatischer Politiker ist. Er macht einen Witz über den Bart des Gouverneurs, der „genauso aussieht wie die unzähligen Kakteen auf der Isla Incahuasi“, und hat die Lacher auf seiner Seite. Dann schießt er gegen den Imperialismus des Westens und der großen Firmen. Bolivien sei ein glänzendes Beispiel für den Kampf gegen den Imperialismus und die Ausbeutung des Volkes, insbesondere der Indigenen. Das ist Morales‘ Diskurs. Er ist der erste indigene bolivianische Präsident und versteht sich als Verteidiger der Indigenen, die jahrhundertelang von Europäern, US-Amerikanern und weißen Bolivianern ausgebeutet wurden.

Dass Morales als Vertreter der Koka-Bauern selbst knallharte wirtschaftliche Interessen verfolgt und sich dabei oft nicht um die Interessen anderer indigener Gruppen schert, erwähnt er natürlich nicht. Was von Morales Rede bleibt, ist der Eindruck, dass er den Feiertag für politische Zwecke nutzt. Auf den Ursprung, die aymarische Kultur, und dessen Wichtigkeit für Bolivien geht er in seiner Rede nicht ein. Dabei kommt der Präsident selbst aus einer aymarischen Familie.

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