Bolivien

Der Berg, der Menschen frisst

Es wird kalt in Potosí. Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet, verschwindet auch das Leben auf der Straße. Die Menschen verkriechen sich in ihre Häuser. Sie wickeln sich ein, schlüpfen unter Decken und trotzen der Kälte der Nacht. Doch da ist noch etwas Anderes, das den Menschen zu schaffen macht. Etwas Großes. Etwas Gefährliches. In jeder Straße der Stadt ist es zu spüren, in jedem Blick und in jedem Gespräch. Doch noch ist dieses Gefühl zu vage, um es beim Namen zu nennen.

Potosí liegt im Süden Boliviens auf 4000 Metern Höhe. Die Stadt war einmal eine der reichsten Städte der Welt. Eduardo Galeano schreibt in Die offenen Adern Lateinamerikas: „Man sagt, dass in der Blütezeit der Stadt sogar die Hufeisen der Pferde aus Silber waren. Im Jahr 1658, zu Fronleichnam, wurde das Pflaster der Straßen der Stadt aufgebrochen und von der Mutterkirche bis zur Recoleto-Kirche mit Platten aus purem Silber bedeckt. Von den Balkonen der Häuser hingen Lamas aus Gold und Silber.“

Der Reichtum kam aus dem Berg, der über Potosí thront. Die Spanier nannten ihn Cerro Rico, den reichen Berg. Sie holten so viel Silber aus dem Berg, dass damit eine Brücke von Südamerika bis nach Europa gebaut werden könnte. Das behaupten zumindest bolivianische Autoren. Galeano erklärt, dass das Silber aus Potosí die wirtschaftliche Entwicklung Europas erst möglich gemacht hat. Da die spanische Krone hoch verschuldet war, ging das Geld aus Südamerika meist direkt an die Gläubiger – und verteilte sich so über ganz Europa.

Heute ist vom Silber nicht mehr viel übrig. Weder in der Stadt, noch im Berg. Der Cerro Rico ist nach fünfhundert Jahren Silberabbau so gut wie leer. Durch den Bergbau ist er um fast 200 Meter geschrumpft und wegen der unzähligen, tief in den Berg geschlagenen Stollen droht er einzustürzen. Dennoch wird weiter abgebaut, heute vor allem Zinn, Zink und Blei. Die Minen bieten ungefähr 11.000 Menschen Arbeit. Viele von ihnen können sich nur so gerade über Wasser halten. Doch sie machen weiter, Tag für Tag, und hoffen auf den großen Fund. Oft vergeblich. Potosí gehört heute zu den ärmsten Regionen Boliviens.

Im Zentrum hat die Stadt vieles von ihrem einstigen Reichtum bewahrt. Seit 1987 gehören der Berg und die Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Die reich geschmückten Fassaden der Häuser, die beeindruckenden Kirchen und die Casa de la Moneda zeugen von der Zeit des Silbers. Doch dieses Erbe ist heute in Gefahr. An vielen Fassaden bröckelt der Putz und manchmal fressen sich sogar ganze Löcher in die Wände. Oft ist auf die zweistöckigen Kolonialgebäude einfach ein drittes Stockwerk gesetzt worden – mit Betonwänden und moderner Glasfassade. Deswegen setzte die Unesco Potosí im vergangenen Jahr auf die Liste des gefährdeten Kulturerbes. Falls Potosí sein Erbe nicht besser schütze, könne es den Titel verlieren, heißt es im Unesco-Bericht.

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Das Gebäude der bolivianischen Post zeugt von kolonialem Reichtum. Doch rechts oben klafft ein Loch in der Fassade.

Auf dem Schreibtisch von Jaime Zubieta stapeln sich Baupläne. Hinter ihm hängt eine Karte des historischen Zentrums von Potosí. Die Karte beschreibt den Zustand der Gebäude: Grün bedeutet gut in Schuss, gelb mittelmäßig und rot dringend renovierungsbedürftig. Mehr als die Hälfte der Gebäude ist rot, etliche sind gelb und ganz wenige grün. Zubieta ist der Architekt der städtischen Kommission für die Erhaltung des Kulturerbes. Er spricht mit leiser Stimme. „Wir haben als Kommune einfach nicht genügend Geld, um die Häuser in Stand zu halten. Da müsste der Staat helfen, mit einem eigenen Fonds.“

Für die Besitzer ist es günstiger, die alten Häuser abzureissen und neu zu bauen. Deswegen renoviert kaum einer die alte Bausubstanz. Auch wenn das eigentlich verboten ist. „Außerdem haben wir nicht genügend Personal, um alle Baustellen zu kontrollieren“, sagt Zubieta. Nur zwei Personen seien für die gesamte Altstadt zuständig. Ein Problem sei auch, dass vielen Bürgern das Bewusstsein für das Kulturerbe fehle. „Die ziehen einfach neue Mauern und wissen nicht einmal, dass das verboten ist“, sagt Zubieta. Dann blickt er auf die Baupläne auf seinem Schreibtisch. Jaime Zubieta hat noch viel zu tun.

Die Menschen in Potosí fühlen sich von der bolivianischen Regierung im Stich gelassen. Ihr zentraler Wirtschaftszweig, der Bergbau, krankt. Gleichzeitig sind sie dabei, die Basis für den Tourismus, die Altstadt Potosís, zu zerstören. Es sieht nicht gut aus für die einstige Silberstadt.

Doch all das kann dieses unheimliche Gefühl nicht erklären, das einen überkommt, sobald man Potosí betritt. Es scheint so, als laste ein Fluch auf der Stadt. Und natürlich hat dieser Fluch mit dem Silber zu tun.

In Wahrheit waren es nicht die Spanier, die das Silber aus dem Berg holten. Es waren die Indigenen aus dem heutigen Bolivien, Ecuador und Peru, die sich Hunderte Meter tief in den Berg gruben, das Silber herausschleppten, einschmolzen und zu Münzen stanzten. Dazu brachten die spanische Krone Afrikaner zur Zwangsarbeit nach Potosí. Es waren die Indigenen und die Afrikaner, die monatelang kein Tageslicht sahen, giftige Gase einatmeten und früh starben. Zwischen sieben und acht Millionen Menschen sollen in den vergangenen 500 Jahren an den Folgen des Bergbaus im Cerro Rico gestorben sein. Noch heute gibt es wöchentlich Unfälle. Die meisten Bergleute sterben am Staub, der sich bei der Arbeit im Stollen in die Lunge frisst.

Die Bolivianer haben dem Cerro Rico längst einen anderen Namen gegeben. Sie nennen ihn den Berg, der Menschen frisst.

Mehr Bilder von Potosí gibt es hier.

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