Bolivien

Ein Versuch in Vélosophie

Radfahren in Südamerika? „Ihr seid ja verrückt!“ Nein, sind wir nicht. Die Radreise ist die beste Art zu reisen. Besonders in Südamerika. In vier Gründen erkläre ich Euch warum.

Als wir Freunden in Buenos Aires erzählten, dass wir eine Radreise durch Südamerika machen wollen, zogen die oft die Augenbrauen hoch. „Nein, macht das nicht! Viel zu gefährlich. Und viel zu anstrengend!“ Die Chefin vom Argentinischen Tageblatt bat sogar eine Mitpraktikantin, mich von der Idee abzubringen. Auf sie würde ich eher hören, da wir das gleiche Alter hätten. Doch das half alles nichts. Wir haben uns nicht abbringen lassen und sind los geradelt. Zum Glück. Denn wir machen gerade die schönste Reise unseres Lebens. Mit vier Gründen möchte ich beschreiben, warum das so ist.

1. Die Reise ist intensiver

Klar, Fahrradfahren ist anstrengend. Regen, Gegenwind, mörderische Anstiege, Schotterpisten und aggressive Lkw-Fahrer machen uns das Leben schwer. Doch genau diese Strapazen sorgen dafür, dass die Reise intensiver wird. Wer einen Tag lang durch den Regen fährt, freut sich erst so richtig über die ersten Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brechen.

Wer stundenlang den Berg hochkurbelt, kann oben um so mehr den Ausblick und dann die Abfahrt genießen. Wer nach ‚zig Kilometern Schotterpiste eine asphaltierte Straße erreicht, hat das Gefühl, der Belag streichle sanft die Reifen des Fahrrads. Und manchmal haben wir sogar nette Lkw-Fahrer getroffen.

2. Der Weg ist das Ziel

Wir sind den ganzen Tag auf dem Rad, genießen die Landschaft und oft stellt sich dabei so etwas, wie ein Gefühl von Freiheit ein. Wir halten dort, wo es uns gefällt. Wir campen dort, wo es schön ist. Das ist unsere Reise. Wenn wir in einer Stadt ankommen, haben wir nicht das Verlangen, etwas Besonderes erleben zu müssen. Das erspart uns eine Menge Geld, Organisation und Stress.

Oft fragen uns Backpacker, warum wir in eine bestimmte Stadt gekommen sind, bzw. was wir dort machen wollen. Wir sagen oft: „Nichts besonders. Wir fahren bald weiter.“ Das verstehen die Backpacker meistens nicht. Sie zählen dann auf, was sie schon alles in der Stadt gemacht haben. Meist endet das in einem Wettstreit, wer die tollsten Sachen erlebt hat. Wir halten uns da raus und bereiten den nächsten Rad-Tag vor.

3. Die Menschen sind netter

Wer mit dem Rad reist, kann fast sicher sein, dass die Menschen einem mit Interesse, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnen. Die Radreisenden werden zwar immer mehr – doch es gibt viel weniger von ihnen als Backpacker. Das vollbepackte Fahrrad weckt Neugier. „Wo fahrt ihr hin, wo kommt ihr her?“, fragen die Leute. So kommt man leicht ins Gespräch. Oft entwickelt sich daraus ein interessanter Austausch.

Als Radler ist man oft auf die Solidarität von Fremden angewiesen. Sei es bei der Frage nach dem richtigen Weg, der Suche nach der Unterkunft oder beim Rahmenbruch. Die Menschen wissen das und helfen. Besonders in Südamerika.

4. Du kannst nicht vor dir weglaufen

Beim Fahrradfahren kannst du nichts machen, was dich ablenkt. Während du radelst, gibt es kein Buch, kein Smartphone, kein Facebook. Fahrradfahren ist die nüchterne Art des Reisens. Wenn du zu zweit oder in der Gruppe fährst, kannst du dich natürlich unterhalten. Aber das wirst du wahrscheinlich nicht den ganzen Tag machen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen keiner redet, in denen jeder bei sich ist, in denen du allein bist. Mit deinen Gedanken. Es kommt auf Dich an, was du daraus machst.

Und wann machst Du deine nächste Radreise?

read more:

1 Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.