Chile

Das Radler-Haus

Carlos Titichoca lädt Radreisende zu sich nach Hause ein. Dort gibt es eine Dusche, ein Bett und die Möglichkeit, Fahrradfreaks aus der ganzen Welt kennenzulernen.

Wir haben Carlos über die Internetseite warmshowers.org kennengelernt. Dort finden Tourenradler, was sie nach einem Tag im Sattel brauchen: Eine warme Dusche. Meistens beherbergen die Gastgeber die Radler dann auch. Entweder mit dem Zelt im Garten, auf der Couch oder im Gästezimmer. Carlos hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst alle Radler, die nach San Pedro de Atacama kommen, zu beherbergen. Und das sind eine ganze Menge.

Als wir in seinem kleinen Haus ankommen, sind dort schon Valentin, Etienne und Laetitia. Valentin ist im Februar in Ushuaia losgefahren und erholt sich gerade von der Überquerung des Paso Sico. Etienne und Laetitia sind mit dem Tandem unterwegs und kommen von Norden. Sie sind über die bolivianischen Lagunen nach Chile gekommen. Wir sind also zu sechst, übernachten zu fünft in einem Zimmer, denn Carlos hat natürlich sein eigenes Schlafzimmer. Da tummeln sich außerdem fünf Katzenjunge, ihre Mutter und ein Hund.

San Pedro de Atacama war einmal eine verschlafene Oase in der Wüste. Heute hat San Pedro sich zum Touristenzentrum Nordchiles entwickelt, denn ganz in der Nähe gibt es beeindruckende Attraktionen: Salzseen, Lagunen, Flamingos und Geysire. Auch für Radtouristen ist San Pedro ein Anziehungspunkt. Viele starten hier die Überquerung der fast 5000 Meter hohen Andenpässe nach Argentinien. Oder sie kommen aus Argentinien und ruhen sich in San Pedro aus. Einige zieht es von San Pedro auf der Lagunenroute nach Bolivien. Die ist besonders hart und landschaftlich einmalig.

Am nächsten Morgen kommen drei weitere Radler an: Kevin, Vincent und Benjamin, die sich von der Carretera Austral im Süden Chiles kennen. Und abends stoßen Pauline und Clément dazu. Valentin ist mittlerweile Richtung Bolivien aufgebrochen, also sind wir zu zehnt. Fast jeder Tourenradler scheint Franzose zu sein. Benjamin ist Österreicher, ich bin Deutscher und der Rest der Gäste kommt aus Frankreich.

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In diesem Haus empfängt Carlos Radfahrer aus der ganzen Welt.

Wir freuen uns darüber, mit den Anderen übers Radfahren reden zu können. Dabei entstehen die skurrilsten Gespräche. Etienne schwört auf Kartoffelbrei zum Frühstück. Kevin und Vincent erzählen, dass sie im Süden oft nachts gefahren sind, weil dann der Gegenwind schwächer war. Und Benjamin verschenkt kleine Beutel mit Natron. „Gib ein wenig davon in die Schuhe, dann stinken sie nicht mehr!“.

Da fast alle die Route über den Paso Jama oder den Paso Sico genommen haben, entscheiden wir uns schließlich auch dafür. Vorher war uns die Strecke, die auf über 4800 Meter führt, zu hart. Wir wollten lieber den Bus nehmen. Aber nach einigen Gesprächen über Steigung, Kälte und Willenskraft sind wir uns einig: Wir können das schaffen.

Carlos Haus sieht mittlerweile ungefähr so aus, wie ein Fahrradladen. Vor der Tür stehen die Räder, im Haus tummeln sich die Packtaschen und in Carlos‘ Regal stapeln sich Radkomponenten. „Das ist das Radler-Regal. Jeder kann sich etwas nehmen oder etwas hierlassen. So entsteht ein Austausch“, sagt Carlos. Er freut sich darüber, so viele Gäste zu Hause zu haben. Sie kochen für ihn (in letzter Zeit meist französisch), zeigen Bilder und Videos und erzählen die Geschichten ihrer Reise. Das ist fast so wie Reisen, ganz gemütlich am Küchentisch.

Außerdem lernt Carlos ganz unterschiedliche Menschen kennen. „Für mich gibt es Radfahrer und es gibt Reisende“, sagt er. „Die Radfahrer sprechen viel über Technik, vergleichen ihre Leistung und machen viele Kilometer. Die Reisenden sind entspannter. Sie bleiben länger an einem Ort und reden auch über andere Themen als das Fahrradfahren.“ In diesem Jahr hat Carlos in seinem Häuschen schon über 70 Radler beherbergt. Nebenan baut er ein größeres Haus. „Das wird eine richtige Casa de Ciclistas“, sagt Carlos. Ein Haus für Radfahrer.

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